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Wenn wir von Akzeptanz reden, wovon sprechen wir dann überhaupt?

Wenn wir von Akzeptanz reden, wovon sprechen wir dann überhaupt?

Die unzweifelhafte Aktualität der Akzeptanzfrage wurde zuletzt ja seitens der Bundesregierung gleichzeitig belegt und widerlegt. Die Akzeptanz der Windenergie zu erhöhen ist Teil des noch gültigen Koalitionsvertrages und wurde erst letzte Woche erneut von den Koalitionären aufgegriffen – und an eine neue Arbeitsgruppe delegiert. Getreu dem Spruch: “Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis.”

Zustimmung zur Energiewende ist weiterhin hoch

Ich empfehle zu unserem Thema als Literatur zwei Publikationen (obwohl es natürlich unendlich mehr davon gibt): Sehr hilfreich ist zum Beispiel das Grundlagenpapier des BWE mit dem Titel „Gemeinsam gewinnen – Windenergie vor Ort“, das aufgrund umfangreicher Quellensichtung eine gute systematische Sicht auf unser Thema erlaubt.

Daneben fand ich einen Aufsatz des Schriftstellers und Historikers Philipp Blom sehr anregend, weil er die Dynamik gesellschaftlicher Veränderungen, wie sie sich beispielsweise aus Klimawandel und Energiewende, aber auch aus der Digitalisierung ergibt, überzeugend herausarbeitet und historisch beleuchtet: „Was auf dem Spiel steht“, so der Titel seines 2017 erschienenen Bandes.

Teil der Klimawandel-Debatte

Für mich selbst ist die Diskussion über die Akzeptanz der Windenergie ebenfalls und sehr eindeutig Teil der Diskussion über die Folgen des Klimawandels und dessen Bewältigung – oder auch Nicht-Bewältigung. Denn wir treffen mit dieser Diskussion auf eine Gesellschaft, deren Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrhunderten maßgeblich von einem schier unbegrenzten Input an fossiler Energie geprägt war. Geprägt hat uns dieser unaufhörliche Energiezufluss

  • technologisch,
  • wirtschaftlich und
  • gesellschaftlich.

Der schon genannte Philipp Blom schreibt dazu: „So bekam eine ganze Zivilisation eine enorme Zufuhr an Energie – fossiler Energie. Was die Räder, die Kolben und die Zylinder antrieb, war die gespeicherte Sonnenenergie von Jahr-millionen, die jetzt wieder in die Atmosphäre gepumpt Wurde. Das geschah sehr schnell. Es begann vor etwa 200 Jahren, wurde aber durch das Wirtschafts-wachstum der Nachkriegszeit noch einmal wesentlich beschleunigt.“ (S. 29)

Das Resultat davon ist, wie wir inzwischen alljährlich in Form neuer Wärme-Wetter-Rekorden erleben, ein Anstieg auf eine CO2-Konzentration in unserer Atmosphäre, wie sie unser Planet vor Millionen von Jahren zuletzt erlebt hat. Und das in einer Schnelligkeit, die unsere sämtlichen Öko-Systeme zu Wasser, zu Lande und in der Luft in ihrer Anpassungsfähigkeit überfordert.

Mit diesem Scheitern einer ökologischen bzw. evolutionären Adaption geht nun aber auch das Scheitern unserer kulturellen Adaption einher. Ich zitiere nochmals Philipp Blom: „Wie globale Gesellschaften mit den Transformationen der beiden nächsten Jahrzehnte umgehen werden, und ob ihre Strukturen diesen Prozess überstehen können, wird ebenfalls von kulturellen Faktoren abhängen (...)

Wie reagieren Menschen, denen ein Dauerregen an Bildern und Botschaften, an Produkten und Werbung über Jahrzehnte eingeredet hat, dass sie der Nabel der Welt sind, dass nur ihre Wünsche zählen, dass sie jedes Recht haben, dass alles davon abhängt, ob sie gerade Lust haben, wie reagieren solche Menschen auf eine historische Herausforderung von historischen Ausmaßen? Eine Weichenstellung, deren Folgen noch über Jahrhunderte spürbar sein werden? Was passiert in einer Demokratie, wenn zu viele Leute einfach keinen Bock haben auf Veränderung? Wenn zu wenig Zeit bleibt, um sie umzustimmen? Was, wenn Gesellschaften, die Zukunft vermeiden wollen, die nur wollen, dass die Gegenwart nie aufhört, und deren politische Allianzen auf Statuserhalt ausgerichtet sind (…)? (S. 90)

Windkraft als provokantestes Symbol

Zurück zur Windenergie. Denn sie steht für mich vor diesem Hintergrund als eines der sichtbarsten und deshalb auch provokantesten Symbole der Herausforderungen, denen wir uns angesichts des Klimawandels zu stellen haben. Nirgends sonst spitzt sich die Frage, woraus wir die Energie der Zukunft schöpfen wollen, in einer solchen Härte zu wie bei der Nutzung der Windenergie und ihrer unübersehbaren Rotoren.

Dies hat einen speziellen Grund: Denn die Lösung der Frage nach der Akzeptanz der Windenergie beinhaltet auch die Antwort darauf, welche Anstrengungen und welche Veränderungen wir als einzelne und als Gesellschaft im Sinne einer Strategie des Überlebens zu tragen und zu ertragen bereit sind.

Worüber sprechen wir also, wenn über die Akzeptanz der Windenergie sprechen? Worüber sprechen wir

  • technologisch,
  • wirtschaftlich und
  • politisch?

Um dies darzustellen, greife ich auf das schon erwähnte Grundlagenpapier des BWE mit dem Titel „Gemeinsam gewinnen – Windenergie vor Ort“ zurück, aus dem ich hier einige wesentliche Erkenntnisse zusammenfassend darstelle:

Was ist Akzeptanz?

Dass Windkraft eine wirtschaftliche und gesellschaftlich wichtige Rolle spielt, können wir an dieser Stelle voraussetzen – die Grafik aus der BWE-Broschüre veranschaulicht die Bedeutung.

Windkraft bietet Wertschöpfung

Diese Bedeutung steht jedoch nicht zwingend in direktem Zusammenhang mit der Akzeptanz  derselben Technologie. Laut Duden steht der Begriff „Akzeptanz“ für „Anerkennung, Einwilligung, Zuspruch.“ Allerdings ist um diesen Begriff herum längst ein politisiertes Begriffsfeld, also ein neues gesellschaftliches Verständnis entstanden. Der gesellschaftliche Legitimationsdruck auf Bau- und Infrastrukturprojekte wird zusehends größer, und eine neue Form der Kommunikations- und Beteiligungskultur wird immer wichtiger. Dabei umfasst der Begriff je nach Ebene verschiedene Objekte und Subjekte:

Akzeptanzebene Akzeptanzobjekt Akzeptanzsubjekt
soziopolitisch z. B. EEG, Windenergie, Energiewende etc. z. B. Öffentlichkeit, politische Entscheidungsträger, Medien
Marktakzeptanz z. B. Ökostrom, EEG-Anlagen z. B. Investoren, Hausbesitzer, Stromkunden
projektbezogen z. B. konkrete Anlagen vor Ort, Beteiligungsprozess beim Bau von Windparks z. B. Anwohner, Lokalpolitiker, Naturschützer etc.

Entscheidend für die Akzeptanzsubjekte sind in der Regel Gerechtigkeitsfragen. Zum Beispiel: Je mehr jemand verbraucht, desto mehr sollte er auch pro verbrauchte Einheit zahlen. Dieser Aussage stimmen in einer IASS Umfrage im Jahr 2017 48 Prozent zu. Weitere 25% finden, die Energiewendekosten sollten durch eine Besteuerung höherer Einkommen finanziert werden.

Hinzu kommt die Informiertheit: Wer sich über die Projekte in der Nachbarschaft informiert fühlt, zeigt in der Regel höhere Akzeptanzwerte. Hier ist noch viel Luft nach oben: Einer INSA Consulere-Umfrage aus dem Herbst 2018 fühlen sich über 50% der Befragten eher schlecht oder sehr schlecht informiert. Nur rund 40% fühlten sich sehr gut oder eher gut informiert. Dabei ist die Kommunikation ein Schlüsselpunkt für die Akzeptanz. Denn nur so kann frühzeitige Beteiligung in das Projekt erreicht werden: für rund 85 % der IASS Befragten 2017 ein wichtiger Aspekt in der Akzeptanz.

Zusätzlich entscheidet sich Akzeptanz auch durch unterschiedliche Grade der Betroffenheit:

  • Wie betroffen sehen sich Menschen und Region vom Klimawandel?
  • Was empfinden AnwohnerInnen als störend? (akustisch und optisch)

Was empfinden Anwohner als störend Betroffenheit vom Klimawandel

Was macht die Windbranche zum Thema Akzeptanz?

  • BürgerInnen-Beteiligung
  • Bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung
  • Arten- & Naturschutz
  • Repowering (weniger starke statt viele schwache Anlagen)
  • Öffentlichkeitsarbeit

Besonders die Kampagne „Die Windkraft“ versucht, diese Themen auch in der Öffentlichkeit zu setzen.

Fazit

Der gesellschaftliche Legitimationsdruck auf unsere Branche ist da – und er ist Gott sei Dank auch sehr hoch. Denn immerhin hat dieser Legitimationsdruck in Sachen Energie in den letzten Jahrzehnten sehr wesentliche und sehr positive Weichenstellungen herbeigeführt. Zum Beispiel weg von der Atomenergie und hin zu den Erneuerbaren.

Der Legitimationsdruck macht es aber auch erforderlich, dass wir alle, die wir uns wirtschaftlich für eine nachhaltige und klimafreundliche Energieversorgung engagieren, systematischer, konsequenter und offener als bisher an einer Lösung der Akzeptanzfrage mitwirken. Denn die Antwort auf diese Frage ist nicht zuletzt entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg unserer Arbeit und den der gesamten Windbranche.

Aber, auch davon bin ich überzeugt, wir werden die Akzeptanzfrage nicht alleine lösen können. Allenthalben stoßen wir an unsere Grenzen. Und dies insbesondere deshalb, weil sich Staat, Politik und Gesellschaft unter einem feingestrickten Deckmantel von hehren Klima- und Energiezielen ihrer konkreten Verantwortung eben nicht stellen.

Über all das reden wir also, wenn wir von Akzeptanz sprechen.


Autor: Christoph Markl-Meider ist Pressesprecher und Leiter der Unternehmenskommunikation bei Ostwind und Mitglied im BWE.

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