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Windkraft-Anwohner: Offen für Argumente

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Windkraft-Anwohner: Offen für Argumente

Windkraft-Anwohner: Offen für Argumente

Die Umstellung auf das Ausschreibungssystem ändert nicht nur die ökonomischen Voraussetzungen für Windenergie. Sie hat auch Auswirkungen auf die Akzeptanz, die Bürgerbeteiligung und das Engagement vor Ort. Bisher stand mit der BImSchG-Genehmigung fest, dass ein Projekt auch umgesetzt werden kann. Die Investoren hatten damit die für sie höchste Hürde genommen, die formelle Öffentlichkeitsarbeit war abgeschlossen.

Weniger Mitgestaltungswille unter Anwohnern

Gleichzeitig reagieren viele Bürger erst dann, wenn fast sicher ist, dass ein Projekt kommt. Eine vorliegende BImSchG-Genehmigung zeigt ihnen: Da soll tatsächlich etwas entstehen. Wenn das Projekt sichtbar wird, ist für den Planer die meiste Arbeit getan.
Für die Bürger geht es dann erst los. Ist die Realisierung jedoch auch nach erfolgreicher Genehmigung nicht sicher, weil die Ausschreibung noch aussteht, sinken Aufmerksamkeit und Wille zur Mitgestaltung seitens der Bürger. Warum sollte ich mich für oder gegen ein Projekt engagieren, das vielleicht ohnehin keinen Zuschlag bekommt?

Hinzu kommt der gestiegene Druck auf die Gewinnmargen der Projektierer. Darum sind sie versucht, gerade an der Bürgerbeteiligung zu sparen. Ist die Ausschreibung einmal gewonnen, besteht rechtlich keine Verpflichtung zur Beteiligung mehr; theoretisch könnten die Bauherren die überrumpelten Anwohner nun einfach ignorieren.

Das ist der Spagat, in dem sich die Branche derzeit befindet: Weniger Zwang zur Akzeptanzarbeit vor Ort bei höherem gesellschaftlichem Bedarf an Akzeptanzgewinnung. Denn die Bedeutung lokaler Zustimmung zeigt sich in den aktuellen Reaktionen mehrerer Bundesländer, in denen die Windausbauziele zur Disposition stehen. Und auch auf Bundesebene sind zwar alle Parteien für Klimaschutz. Aber keiner will die Windkraft gegen den Widerstand der Menschen durchdrücken.

Swingbürger der Windkraft

Derzeit ist die Zustimmung für die Energiewende mit 80 bis 95 Prozent ungebrochen hoch. Das Bild ändert sich jedoch, wenn man nach der Zustimmung zu Windprojekten vor Ort fragt: 2016 fanden laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag von Renewable Energy Hamburg je nach Region nur noch 64 bis 75 Prozent Windräder in Wohnortnähe zumindest akzeptabel. Das ist zwar immer noch die Mehrheit, doch viele Projektierer teilen die Erfahrung des lauter werdenden Protests. Die Schuld wird oft dem sogenannten Nimby-Effekt zugesprochen, der Kurzform von „Not in my Backyard“. Dahinter verbergen sich theoretische Befürworter der Energiewende – aber nur, solange sie selbst nicht betroffen sind. Tatsächlich umfasst diese Gruppe allerdings laut der Fraunhofer-ISE-Studie Komma-P kaum 15 Prozent.

Die Wissenschaft hinterfragt daher inzwischen das stark vereinfachende Konzept und geht von einer Vielzahl unterschiedlicher legitimer und vorgeschobener Gründe für Ablehnung oder Akzeptanz aus.

Neben der Gruppe der Nimbys unterscheiden die Autoren der KomMA-P-Studie drei weitere Gruppen: die Unterstützer (29 Prozent), die Unentschiedenen (29 Prozent) und die Kritiker (27 Prozent).
Die Unterstützer stimmen von sich aus mit den Zielen der Energiewende überein und nehmen dafür auch kleinere Unannehmlichkeiten in Kauf. Die Gruppe der Kritiker können wir mit unseren Argumenten oft nicht mehr erreichen. Zu gewinnen gilt es daher vor allem die Unentschlossenen. Sie sind – in Analogie zu den Swing States in den USA – die Swingbürger.

Entscheidend sind für diese Gruppe vor allem zwei Faktoren: die Möglichkeit finanzieller Beteiligung, was unter das Stichwort Verteilungsgerechtigkeit fällt, und ein positiv erlebter Beteiligungsprozess, kurz Verfahrensgerechtigkeit.

Die lokale Verteilung von Akteurstypen bestimmt das Verfahren. Grafik: Ahnen&Enkel, basierend auf Akzeptanz-Survey 2015 / KomMA-P.

Das Potenzial der Verfahrensgerechtigkeit

Viele sogenannte Beteiligungskonzepte konzentrieren sich vor allem auf die Verteilungsgerechtigkeit – was besonders die positiv-passiven Bürger überzeugen kann. Die weit größere Gruppe erreicht man jedoch eher über die Verfahrensgerechtigkeit. Hier sind umfassende Konzepte notwendig: Die Fragen, wer den Prozess initiiert und welche Themen diskutiert werden, wer beteiligt wird und welche Dauer die Prozesse haben, entscheiden über das Ergebnis, ergibt eine IASS-Studie.

Eine detaillierte Akteursanalyse kann je nach Region eine Art passives Potenzial von bis zu 60 Prozent aufdecken, Konfliktlinien aufzeigen und erste Handlungsoptionen offenbaren – einer Fallstudie der Universität Stuttgart zufolge können selbst Bürgerwindinitiativen noch davon profitieren.

Alles beginnt mit der Kommunikation. Ein informelles Vorgehen schon vor dem Flächennutzungsplanverfahren generiert einen Vertrauensvorschuss, der dem Projekt auch im formellen Verfahren zugutekommt. Aber auch nach der Auktion sollten die nächsten Schritte transparent kommuniziert werden – die Offenhaltung von Alternativen im Microplanning und dem Zeitplan hilft den Bürgern, sich ernstgenommen zu fühlen.

Klein anfangen: Im direkten Umfeld

Welche Instrumente jeweils den größten Erfolg versprechen, lässt sich kaum verallgemeinern. Jedes Projekt hat eine einzigartige Zusammensetzung aus Befürwortung und Ablehnung, Aktivität und Passivität, Akteursstruktur und individuellen Problemfeldern. Das erkundet man am besten durch ganz persönliche und qualitative Befragungen. Ausgehend von den Partnern im Ort erkundigt sich man nach Stimmungen, besonderen Ängsten und Hoffnungen in der spezifischen Gemeinde.

Ausgehend von einem ersten Ansprechpartner erweitert man das Netzwerk, um Schritt für Schritt die Stimmungen in der Gemeinde zu erkunden. Auf die solchermaßen offengelegten Zustimmungen und Widerstände kann man dann gezielt eingehen: Sowohl in dem man als Planer kritische Punkte von selber aufgreift und indem man die Befürworter des Projektes gezielt stärkt. So wird am leichtesten vermieden, dass die Stimmung vor Ort durch wenige laute oder gut organisierte Totalverweigerer von „kritisch neutral“ auf „ablehnend“ kippt. Das minimiert auch die Ausgaben für die Akzeptanzgewinnung.

Im Anschluss lassen sich die geeigneten Mittel zusammenstellen – von einer qualitativ passenden Pressearbeit über Runde Tische und Beteiligungsformate zu zielgruppengeeigneten Informationskampagnen. Denn ob man Hauswurfsendungen oder Webportale nutzt ist keine Geschmacksfrage, sondern hängt von den zu erreichenden Gruppen ab.

Projektierer und Windplaner sollten sich im eigenen Interesse nicht aus der Verantwortung für die Akzeptanz des Energiewendeprojekts entlassen.
Denn sie haben vor Ort das größte Potenzial, Vertrauen aufzubauen. Es sollte daher nicht darum gehen, das „Erfolgsrezept“ zu finden, um Kritiker zu beruhigen und Akzeptanz herzustellen. Vielmehr geht es um Akzeptabilität: Wer profitiert von Energie und Einnahmen, welche Kompromisse sind fair, und wer wurde an der Entscheidungsfindung umfassend und ergebnisoffen beteiligt. Ein Windpark, der in jeder Hinsicht „akzeptabel“ ist, braucht Klimaleugner und NIMBYs nicht zu fürchten.


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Quellen: Uni Kassel | Engeno | KomMA-P | Klima-Citoyen | Uni Stuttgart | Bifa Umweltinstitut | Demoenergie

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